Matthias Claudius – Der Mensch


Empfangen und genähret
   Vom Weibe wunderbar,
Kömmt er und sieht und höret
   Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret
   Und bringt sein Tränlein dar;
Verachtet und verehret,
   Hat Freude und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
   Hält nichts und alles wahr;
Erbauet und zerstöret
   Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst und zehret;
   Trägt braun und graues Haar.
Und alles dieses währet,
   Wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
   Und er kömmt nimmer wieder.


(* 15.08.1740 in Reinfeld | † 21.01.1815 in Hamburg)